Der Vatikan hat neue Richtlinien zur Bewertung übernatürlicher Phänomene eingeführt, welche es Ortsbischöfen erleichtern, Entscheidungen über die Anerkennung neuer Wallfahrtsorte zu treffen. Der Chef der Glaubensbehörde, Kardinal Victor Fernandez, stellte am Freitag in Rom ein neues Regelwerk vor, die es Ortsbischöfen erleichtern soll, über die Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit vorgeblicher übernatürlicher Erscheinungen zu urteilen. Diese Entscheidung erfolgt freilich auch weiterhin im Dialog mit der vatikanischen Glaubensbehörde.
Im Fokus steht fortan nicht mehr primär die Prüfung des behaupteten übernatürlichen Phänomens. Diese Prüfung dauerte in der Vergangenheit oft Jahre und führte häufig zu Konflikten und Sackgassen. Stattdessen können Bischöfe auf Basis einer pragmatischen Entscheidung beurteilen, ob Wallfahrten und Gottesdienste für das geistliche Leben der Gläubigen nützlich sind und mit dem Evangelium, der Lehre der Kirche und der spirituellen Tradition im Einklang stehen.
Es gibt sechs mögliche Bewertungen
- Nihil obstat: keine Bedenken.
- Weiter beobachten: Ort wird im Auge behalten.
- Kommissarische Beschlagnahme: Ort wird unter kirchliche Aufsicht gestellt.
- Verbot: Wallfahrten und Gottesdienste werden untersagt.
- Offizielle Feststellung: keine übernatürlichen Ereignisse.
- Positive Prüfung: Bestätigung einer übernatürlichen Erscheinung, nicht zwingend notwendig für nihil obstat.
Die bisherigen Regeln stammen aus dem Jahr 1978 und führten oft zu jahrzehntelangen Verfahren. Bis 2011 wurden diese alten Normen nur Bischöfen und Kirchenrechtlern mitgeteilt und erst danach öffentlich gemacht. Ein Beispiel dafür sind die angeblichen Marienerscheinungen in Medjugorje, Bosnien-Herzegowina, die es seit 1981 gibt. Der Ort ist inzwischen ein Pilgerzentrum, aber die Kirche hat die Erscheinungen noch nicht offiziell anerkannt. Die Entscheidung zu Medjugorje ist laut Fernandez noch offen. Die neuen Regelungen könnten die Entscheidung zu solchen und ähnlichen Phänomenen möglicherweise erleichtern.
Kardinal Fernandez betonte in seiner Präsentation, dass das Dokument das Ergebnis einer jahrelangen Diskussion unter Theologen ist. Es wurde innerhalb des Dikasteriums einmütig erstellt und von Papst Franziskus ausdrücklich gewünscht. Gleichzeitig schließt er nicht aus, dass es neue kontroverse Reaktionen auslösen wird. Die wichtigste Neuigkeit ist, dass der Fokus nicht mehr auf der Feststellung des übernatürlichen Charakters liegt, der nun dem Papst persönlich vorbehalten ist und voraussichtlich nur noch äußerst selten abgegeben wird. Die neue übliche Form der Anerkennung ist das „Nihil obstat“.
Die neuen Regeln treten am Pfingstsonntag in Kraft. Sie sind hier im Originaltext zu finden .