Der Prager Erzbischof Jan Graubner hat am heutigen Samstag gemeinsam mit den Mitkonsekratoren Gregor Maria Hanke und Jan Baxant den bisherigen Generalsekretär der Tschechischen Bischofskonferenz, Stanislav Přibyl zum neuen Bischof von Leitmeritz (Litoměřice) geweiht. Papst Franziskus hat den 53-jährigen Redemptoristen am 23. Dezember 2023 zum Nachfolger von Jan Baxant und damit zum 21. Bischof der nordböhmischen Diözese ernannt.
An der Bischofsweihe nahmen zahlreiche Bischöfe aus Tschechien und den Nachbarändern teil. Österreich wurde vertreten durch Dr. Peter Schipka, den Sekretär der Bischofskonferenz und vor allem durch Kardinal Christoph Schönborn, der als gebürtiger Leitmeritzer Diözesane - sein Geburtsort, Burg Skalken, liegt im direkten Umkreis von Leitmeritz - die Predigt hielt.
Angesichts einer "rapiden Säkularisierung" in Österreich wie auch in anderen westeuropäischen Ländern nehme die Kirche verstärkt die Situation in Tschechien wahr, sagte Kardinal Christoph Schönborn am Samstag bei der Bischofsordination im Leitmeritzer Dom. Tschechien habe in Sachen Säkularisierung einen Vorsprung, "ihr habt das durch Kommunismus und Wirtschaftsliberalismus schon fast hinter euch", bemerkte Schönborn. In Österreich schaue man in letzter Zeit verstärkt auf den Nachbarn, "um besser zu lernen, wie man als Kirche in einer solchen säkularen Gesellschaft auch mit viel bescheideneren finanziellen Mitteln leben kann". Schon Papst Benedikt XVI. habe 2009 Tschechien als Lehrbeispiel dafür genannt, "wie Christsein heute in dieser säkularen Gesellschaft aussehen kann".
"Menschlichkeit" und leidenschaftliche Anteilnahme am Schicksal der Menschen bezeichnete der Kardinal als notwendiges Wesensmerkmal eines "echten Christen" - und auch eines Bischofs. Vorbilder dafür gebe es auch in Leitmeritz, verwies Schönborn auf die Geschichte des letzten Deportationszuges aus dem dortigen KZ-Außenlager kurz vor Kriegsende 1945. Mutige Menschen aus der Zivilbevölkerung hätten damals den Zug mit 4.000 Menschen in offenen Kohlewaggons gestoppt und die halbverhungerten Menschen befreit.
Auch andere dramatische Phasen in der wechselvollen Geschichte der Kleinstadt am Zusammenfluss von Elbe und Eger kamen in der Predigt zur Sprache: die hussitischen Auseinandersetzungen, die Spannungen der Reformationszeit, die katholisch-habsburgische Gegenreformation und die Nationalitätenfrage zwischen deutschen und tschechischen Bevölkerungsteilen, die NS-Herrschaft und die anschließende Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung, die kommunistische Phase mit ihren Kirchenverfolgungen sowie durch die Jahrhunderte immer wieder die Judenverfolgungen. Für die heutige Freiheit könne man nicht dankbar genug sein, so Schönborn.
Sie finden die Predigt von Kardinal Schönborn im deutschen Original und in tschechischer Sprache hier unter seinen gesammelten Predigten.
Bischof Přibyl begann seine kirchliche Laufbahn als Organist in Prager Pfarreien. Nach dem Eintritt in den Redemptoristenorden absolvierte er sein Noviziat in Lubaszowa, studierte Theologie an der Karls-Universität und am Erzbischöflichen Priesterseminar in Prag und wurde 1996 zum Priester geweiht. Er war Kaplan und Pfarrer am Marienwallfahrtsort Svatá Hora und Provinzial der Prager Redemptoristenprovinz (2002-2011). Als Direktor der Prager Diözesancaritas (2004-2008) organisierte er den Bau eines Krankenhauses in Uganda. Nach weiteren Studien in Theologie und Kunstgeschichte wurde er 2009 Generalvikar der Diözese Leitmeritz, 2016 Generalsekretär der Tschechischen Bischofskonferenz und absolvierte ein Masterstudium in Finanzen und Management. 2021 war er Mitglied des nationalen Vorbereitungsteams für die Weltsynode zur Synodalität.
Die Diözese Leitmeritz, der Stanislav Přibyl nun vorsteht, ist geprägt von einer langen Geschichte und einer lebendigen Gegenwart. Sie wurde im 17. Jahrhundert gegründet, zählt heute rund 160.000 Gläubige und umfasst ein Gebiet, das sich über mehrere Regionen Nordböhmens erstreckt. Die Herausforderungen, denen sich die Diözese gegenübersieht, sind ein Spiegelbild der modernen Gesellschaft: von der Notwendigkeit, in einer zunehmend säkularisierten Welt Seelsorge zu leisten, bis hin zur Integration sozialer Dienste, die den Bedürftigen zugute kommen.
Kardinal Christoph Schönborn wurde am 22. Jänner 1945 auf Burg Skalken bei Vlastislav im böhmischen Mittelgebirge, Bezirk und Bistum Leitmeritz geboren. Die Burg war seit 1796 im Besitz der Familie Schönborn. Noch im Geburtsjahr des Wiener Erzbischofs wurde die Familie enteignet und war gezwungen, Tschechien zu verlassen.